Pressemitteilung |

Rechts des Rheins rütteln die Züge stärker

Bingen. Warum ist es am Rhein so laut? Diese Frage können die Anwohner der Mittelrhein-Bahnstrecken rechts und links des Flusses im Schlaf beantworten – oft genug wachen die meisten ja auf. Wie laut es tatsächlich ist, welche Erschütterungen hinzukommen und in welcher Wechselwirkung Lärm und Erschütterung stehen, untersuchen Wissenschaftler der TH Bingen.
„Wir messen zum einen Schwingungen und Schall, und wir haben einen Fragebogen entwickelt, mit dem wir herausfinden wollen, wie sehr die Anwohnerinnen und Anwohner sich durch den Lärm gestört fühlen“, erläutert Professor Frieder Kunz. Ganz bewusst hätten er und sein Mitarbeiter Nico Petry diesen Mix aus klassischer Ingenieursmessung und soziologisch-empirischer Untersuchung gewählt. Sie wollten nicht nur die reinen Daten sammeln, sondern „wir versuchen zu verstehen, wie sehr es die Menschen stört – und unter welchen Bedingungen sie sich weniger gestört fühlen“.
Petry nahm die ersten Untersuchungen für seine Bachelorarbeit über Erschütterungen vor, für den Masterabschluss weitet er das Projekt nun aus. 16 Messergebnisse liegen jetzt vor, der Aufwand ist beträchtlich: „Für den Aufbau der Geräte brauchen wir einen halben Tag, eine Nacht lang wird gemessen, und dann sind es noch mal drei Stunden, um die Geräte wieder abzubauen“, sagt Kunz. Die Fragebogen durchzugehen, dauere eine halbe bis dreiviertel Stunde – hieran haben sich bislang 30 Anwohner der Bahnstrecke beteiligt.
Zu den Erkenntnissen der Binger Wissenschaftler gehört, dass die durch die Bahn erzeugten Erschütterungen tendenziell auf der rechten Rheinseite größer sind.
Der Grund: „Nach dem Bau der ICE-Strecke von Frankfurt nach Köln wurden Intercitys auf der rechten Seite herausgenommen und dafür mehr Güterzüge auf die Strecke geschickt“, erklärt Petry. „Unter der Woche fahren dort in der Nachtzeit von 22 bis 6 Uhr mehr als 100 Güterzüge entlang. Linksrheinisch ist es nicht so gravierend.“
Deutlich wurde auch, dass die Betroffenen Lärm und Erschütterungen nicht klar unterscheiden können. Nicht nur Lautstärke ist ein subjektives Empfinden, wie der Physiker und Diplom-Ingenieur Kunz seine Studierenden lehrt. Ähnlich verhält es sich offenbar auch mit Erschütterungen. „Wer vom Küchenfenster aus auf die Achsen vorbeifahrender Züge schaut, also dorthin, wo der Schall entsteht, empfindet die Erschütterungen heftiger“, sagt Petry. „Andersherum ist es genauso: Wenn es große  Erschütterungen gibt, aber weniger Lärm, meinen die Anwohner, die Erschütterungen nicht so zu spüren. Die beiden Komponenten kann man nicht trennen.“
Und noch eine Tendenz zeichnet sich ab: „Die Leute betrachten die künftige Entwicklung sehr negativ“, sagt Kunz. Je stärker die Anwohner unter den Gegebenheiten litten, desto weniger erwarteten sie eine Verbesserung der Situation. „Wer stark belastet ist, rechnet damit, noch stärker belastet zu werden.“ Der Leidensdruck sei in solchen Fällen auch eine Frage der Handlungsoptionen. „Hat man keine Optionen oder nur die, zu resignieren oder wegzuziehen, dann belastet einen der Lärm stark“, sagt Kunz. „Aber wenn man weiß, dass man mittags in den Park gehen kann, wo es ruhiger ist, reduziert sich die gefühlte Belastung schon durch dieses Wissen – selbst, wenn man gar nicht in den Park geht.“
Der TH-Professor empfiehlt deshalb, die Bevölkerung bei der Suche nach Lösungen der Lärm- und Erschütterungsprobleme einzubinden. „Man muss die Bürger beteiligen, sie informieren, sie dort abholen, wo sie sind. Das würde schon zu einer Reduzierung der Belastung führen, ohne dass ein Zug weniger fährt.“
Anwohner der Rheinstrecken, die sich an den Messungen beteiligen möchten, können sich per E-Mail bei Professor Kunz melden: frieder.kunz[at]fh-bingen.de.

Das gesamte Interview mit Prof. Frieder Kunz finden Sie unter:
www.th-bingen.de/forschung/projekte-fallstudien/fallstudie/erschuetterungsmessung/

Kontakt:
Prof. Dr.-Ing Frieder Kunz
Tel. +49 6721 409 358
frieder.kunz[at]th-bingen.de



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